Peter Cornelius Mayer-Tasch

Einführung zur Vernissage der Ausstellung ‚Neue (r) Bilder‘ von Annunciata Foresti

im Schondorfer Studio Rose am 22.4.2005

Verehrte Frau Rose,

liebe Annunciata Foresti,

meine Damen und Herren –

Der Bitte, am heutigen Abend ein paar einführende Worte zu sprechen, bin ich gerne nachgekommen. Und dies um so mehr, als ich den künstlerischen Weg von Annunciata Foresti – wenn auch mit einigen Unterbrechungen und aus einiger Entfernung – seit nun bald drei Jahrzehnten beobachten konnte. Ein Weg übrigens, lassen Sie mich dies gleich vorweg betonen, der von bemerkenswerten Wendungen bestimmt wird und wurde. Und so ist denn auch diese Ausstellung mit dem schlichten Titel „Neue Bilder“ – auch dies muß gleich vorweg betont werden – lediglich eine Momentaufnahme, Dokumentation eines jener „wachsenden Ringe“, die sich nicht nur für Rilke, sondern auch für unsere Künstlerin „über die Dinge“ ziehen.

Wie Sie wahrscheinlich wissen, stand die Wiege von Annunciata Foresti „in einem anderen Land“, um Hemingways sich just auf dieses (unschwer zu erratende) Land beziehenden frühen Buchtitel zu bemühen. Im Alter von sechs Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland und gleich auch ins Vierseenland. Im Blick auf ihr späteres Verhältnis zur Kunst kann man sagen, daß sie in ihrer Kindheit und frühen Jugend all‘ jene Entwicklungsstufen durchlief, von denen Goethe sagt: „Es bildet ein Talent sich in der Stille“. Aus dieser Stille trat sie dann erst im zeitlichen Umkreis ihres Studiums der Sozialpädagogik an der Fachhochschule München ab Ende der 70er Jahre mit ersten kunsthandwerklichen und textilen Arbeiten hervor. Der zauberhafte Linoldruck, den sie zu der Rinkvillen-Mappe 1986/87 beitrug, ist heute eine Rarität. Auf einer weiteren Gemeinschaftsausstellung textiler Kunstwerke präsentierte Annunciata Foresti 1988 Seidenmalereien, deren Pracht und Anmut mir schon damals und im Rückblick auch heute wieder die Erinnerung an die verbale Bildkraft und Märchenpracht der Dichterin Lasker-Schüler wachrief. Von diesen Arbeiten entzückt, habe ich damals zwei große, mit Goldmalereien geschmückte, amethystfarbene Seidentücher erstanden, die nun schon seit mehr als zwei Jahrzehnten in Form eines selbst drapierten Baldachins meine mehr oder minder wundersamen Träume behüten. Wer jemals die farbenprächtigen Schals und Kimonos von Annunciata Foresti bewundern konnte, weiß, wovon ich spreche. Solche textilen Kreationen bilden wahrscheinlich die einzigen Kontinua in ihrer künstlerischen Arbeit. Und eigentlich wäre es schade, wenn Sie neuerlichen Wendungen gänzlich zum Opfer fielen.

Wie bei vielen kreativen Menschen waren es auch bei Annunciata Foresti einschneidende persönliche Erfahrungen und Erlebnisse, die zu Wendemarken ihres Lebens wurden und entsprechende Wendekräfte freisetzten. In ganz besonderem Maße galt dies wohl für die sie an die Grenze von Leben und Tod führende Geburt der dritten Tochter Livia, die dann zugleich auch zur Geburt der Malerin Annunciata wurde. Weitere Impulse gaben künstlerische Erfahrungen wie das Malerei-Studium bei Pavel Roucka, aber auch emotionale Erlebnisse und Umbrüche. In geradezu vulkanisch anmutenden – und dann nicht selten auch tatsächlich in allen nur denkbaren Rot-Tönen glühenden – Eruptionsstößen schuf unsere Künstlerin in dieser „wilden“ Kreativphase eine Fülle von Bildern, aus denen eine alles andere als sanft geläuterte und geglättete Fabelwelt ins Auge des Betrachters stürzt – Vögel, Fische und sonstige organische Figurationen und Formationen jeglicher Art, sich präsentierend in farbtrunkenen Wirbeln, Wogen und Sogen. Kaleidoskope sie alle im Prozeß des Aufruhrs und Umbruchs. Für meditative Gemächlichkeit und Geruhsamkeit ist im Bannkreis dieser Bilder kein Raum – wohl aber für Bewegung und Anregung. Wessen Seelenlage solches zuließ oder gar ersehnte, der mochte an diesen Eruptionen dankbar partizipieren. Wer sich einen – wenn vielleicht auch nur knappen – Einblick in diese Schaffensperiode Annunciata Forestis gönnen möchte, kann dies in einer ausliegenden Mappe tun.

Daß die Dynamik dieser Periode nicht auf Dauer durchgehalten werden konnte, war zu erwarten. Und so folgte denn auch der um einen Teil seiner heißen Fracht erleichterte Vulkan dem „Ratschluß der Jahre“ (wie es in den berühmten ‚Desiderata‘ von 1692 aus der St. Pauls Church in Baltimore heißt und entließ den Daimon dieser Eruptionsphase. Eine erste, vorsichtige Hinwendung zur Landschaftsmalerei folgte (wovon wir vielleicht in Zukunft noch mehr sehen werden), vor allem aber auch zur Porträt-Photographie; auch von ihr sind in einer ausgelegten Mappe Kostproben zu sehen.

Auch die Strukturbilder, die nun in rascher Folge entstanden und weiter entstehen – und von denen im Rahmen der heute eröffneten Ausstellung eine Auswahl zu sehen ist – haben ihre eigene, wenn auch ungleich verhaltenere Dynamik. Es ist eine Dynamik nicht auf den ersten, sondern vielmehr auf den zweiten Blick – eine Dynamik, auf die man sich einlassen muß, um sie in vollem Umfang wahrzunehmen. Wer es tut, wird schnell entdecken, daß der Prima-facie-Anschein der weitgehend homogenen Fläche sich bei näherer Betrachtung auflöst, zuweilen der Wahrnehmung eines Dahinfließens, – strömens und – wogens weicht, das die bewegte und dennoch beruhigte, die belebende und zugleich auch ausgleichende Kraft eines sanften Wellenschlags ausstrahlt, sich zuweilen aber auch zu Gitterstrukturen verdichtet. Und dies in vielen Farb- und Formnuancen, deren Verbindungen, Verflechtungen, Verfaserungen Seelennahrung sein mag für eine Jede und einen Jeden, der solcher Nahrung bedarf.

Wie sehr sich solche Bedürfnisse unterscheiden mögen – lassen Sie mich dies zum Abschluß dieser kleinen Einführung noch erzählen – habe ich bei meinem kürzlichen Besuch im Dettenschwanger Atelier erfahren können. Als ich mein Erstaunen darüber zum Ausdruck brachte, daß die Bilder ungerahmt ausgestellt werden sollten, war Annunciatas Erstaunen über mein Erstaunen nicht minder deutlich. Aus diesem „clash of sentiments“ (gestatten Sie mir unter Anspielung auf Huntington ausnahmsweise einen der von mir sonst so ganz und gar nicht geschätzten Anglizismen) entstand dann eine lebhafte Diskussion über Sinn und Hintersinn der Dialektik von Bewegung, Raum und Grenze. Dispute hierüber lassen sich zwar trefflich führen, aber nicht entscheiden. Wer Wellenbewegungen in Zeit und Raum verströmen und verebben spüren möchte, wird auf Begrenzungen verzichten wollen. Wer sie gehegt, gebannt oder geborgen wissen will, wird für eine Rahmung dankbar sein. Wo Bewegung innehält, zur Linie wird und zu gehaltener Struktur – und dies ist nun bei einer ganzen Reihe der hier versammelten Arbeiten der Fall – löst sich das Problem im wahrsten Sinne des Wortes in Wohlgefallen auf.

Wie immer es sich mit all dem aber auch verhalten mag – mir hat es jedenfalls Freude gemacht, mich auf diese Bilder einzulassen und dabei Wahrnehmungen und Anregungen zu verspüren, die mir auf den ersten Blick versagt blieben. Und ich spreche sicher auch im Sinne der Schöpferin dieser Arbeiten, wenn ich sage, daß ich mich freuen würde, wenn bei möglichst vielen Besuchern dieser Ausstellung vergleichbare Empfindungen wachgerufen würden.